Es klingt wie eine Rückkehr in alte Zeiten: Wer künftig in eine Psychiatrie eingewiesen wird, soll in Bayern fünf Jahre in einem zentralen Register gelistet werden — auf welches auch die Polizei Zugriff hat.

Viel ist in den vergangenen Jahren dafür getan worden, die Stigmatisierung psychisch Kranker Stück für Stück abzubauen. Noch im Jahr 2003, als mit dem Fußballnationalspieler Sebastian Deisler erstmals ein berühmter Sportler mit seiner Depression an die Öffentlichkeit ging, war die Häme groß: Weichei, Sensibelchen, die „Kopfschmerzen“ würde er mit den Millionen, die er auf dem Konto hat, doch locker wegstecken… mit solchen ignoranten Bemerkungen wurde seine Erkrankung von nicht wenigen Menschen kommentiert.

Sechs Jahre später — der 10. November 2009 — einer der aufwühlendsten Todesfälle der Sportwelt: Der deutsche Fußballnationaltorhüter Robert Enke wirft sich vor einen Zug und nimmt sich das Leben. Diese Tragödie schien einen Wendepunkt in der Wahrnehmung psychischer Erkrankungen und vor allem von Depressionen darzustellen. Sie sind viel mehr als nur Befindlichkeiten oder Launen, die nach ein paar Tagen vorübergehen. Sie sind ein ständiger Begleiter im Leben eines Depressiven, der das ganze Leben und vor allem die nicht so glanzvollen Momente im Leben immer bedeutend dunkler, negativer und unlösbarer erscheinen lassen, als sie in der Realität sein mögen. Sie können einen so sehr belagern, dass ein Depressiver nur noch den Ausweg sieht, sich das Leben zu nehmen, nur um die dunklen Gedanken, die einen 24 Stunden am Tag nicht mehr loslassen und nicht einfach beseitigen lassen, endlich loszuwerden. Ein für alle Mal.

Psychisch Kranke sehen sich selbst in der Regel als große Belastung für die Gesellschaft, umso mutiger ist jeder, der es schafft, sich aufzuraffen und sich in professionelle Hilfe zu begeben, oder zumindest offen darüber zu sprechen. Mit dem derzeit in Bayern diskutierten „Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz“ werden viele Erkrankte diesen Mut wohl nicht mehr aufbringen.

Noch im Jahr 2014 warb Melanie Huml (CSU), ihres Zeichens Bayerische Gesundheitsministerin, anlässlich des Welttages des seelischen Gesundheit für mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Erkrankungen. Sie erkannte damals auch, dass es Betroffenen leichter fallen würde, Hilfsangebote anzunehmen, wenn sie keine Stigmatisierung erfahren müssten.

All diese wirklich konstruktiven Aussagen, um 4 Jahre später eine Stigmatisierung voranzutreiben? Im Zuge der Einführung einer Zentraldatei für Patienten, die künftig in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden, wird deutlich, dass der Fokus dieses Gesetzesentwurfes nicht auf der Heilung von Menschen in psychischen Krisen besteht, sondern in der „Gefahrenabwehr“ und daher wie eine sehr populistische Maßnahme anmutet, nachdem nur wenige Wochen zuvor ein psychisch Kranker in Münster mit einem Auto in eine Menschenmenge raste. Was unter dem Strich bleibt, ist jedoch, dass psychisch Kranke Menschen ohnehin bereits große Zweifel daran hegen, dass ihnen jemals geholfen werden kann, dass sie sich zurückziehen und gleichzeitig ständig mit sich ringen, sich doch Hilfe zu suchen, weil sie ihre Krise alleine einfach nicht bewältigen können. Mit dem Wissen, künftig wie ein Schwerverbrecher behandelt werden zu können, für den streng geregelte Besuchszeiten, dauerhafte Überwachung und Untersuchungen auch von Körperöffnungen gelten, werden psychisch Kranke gar nicht erst den Schritt, sich Hilfe zu holen und eines Tages geheilt zu werden, in Erwägung ziehen — und daraus vielleicht eine chronische Erkrankung entwickeln, die viel mehr Gefahren mit sich bringt.

Der Autor Uwe Hauck („Depression abzugeben„) und Kristina Wilms, Gründerin und CEO der Moodtracker-App Arya, haben mit einer Online-Petition zur Überarbeitung des Psychiatriegesetzes binnen nur weniger Tage mehr als 60.000 gesammelt. Der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat mittlerweile zu erkennen gegeben, dass er offen für Veränderungen im Sinne von Patienten ist — bleibt zu hoffen, dass es sich hierbei nicht nur um leere Worthülsen handelt.