Impfstrategie der EU: Work in Progress

Der langersehnte Covid-19-Impfstoff ist endlich da und trotzdem ist der Frust groß. Es gebe zu wenig Impfstoff, und die vorhandenen Dosen werden zu langsam verteilt. Steht die Impfstoffstrategie der EU zu Recht in der Kritik?

Warum hat die EU nicht so viel Impfstoff wie möglich bestellt, obwohl ihr dies angeboten wurde? Warum haben Großbritannien und Israel bisher mehr Menschen geimpft als die EU? Fragen über Fragen. Die Liste der Fragen bezüglich der Impfstrategie scheint unendlich lang und ist durchaus berechtigt, wenn man einen Blick auf den aktuellen Stand der bereits getätigten Impfungen aus den verschiedenen Bundesländern wirft.

Noch vor ein paar Monaten war nicht klar, welcher Impfstoff eine zuverlässige Wirksamkeit verspricht. Das sollte man bei aller berechtigten Kritik bedenken. Entsprechend haben sich die Vertreter der 27 EU-Staaten darauf geeinigt, auf ein breites Portfolio an zugelassenen Impfstoffen zu setzen. Wie die Europäische Kommission in einem Pressestatement auf Twitter klarstellte, liegt der EU-weiten Impfstrategie das Prinzip der Risikostreuung zugrunde, da die Impfstoffe mit Hilfe unterschiedlicher Technologien hergestellt werden – und noch vor sechs Monaten nicht klar war, welcher Kandidat zu den aussichtsreichsten gehören würde.
Ebenfalls zu berücksichtigen ist, dass einige Staaten sich dagegen ausgesprochen haben sollen, allzu viel Geld für den Einkauf von Impfstoffen zu investieren. Unter den zur damaligen Situation vorliegenden Informationen machte die Entscheidung also durchaus Sinn. Jetzt, mit dem heutigen Wissen wird natürlich anders bewertet.

Wie viel Impfstoff steht in Deutschland bislang zur Verfügung?

Bislang wurden 1,3 Millionen Dosen des Impfstoffes von Pfizer und BioNtech an die Bundesländer geliefert, die zunächst an die Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen, Menschen über 80 Jahre sowie Pflegekräfte verteilt werden sollen. Bis zum 1. Februar ist geplant insgesamt weitere 2,68 Millionen Impfdosen an die Länder zu verteilen. Am 6. Januar wurde zudem der Impfstoff von Moderna zugelassen.

Entsprechend laut ist die Kritik an der vermeintlich geringen Zahl der bereits geimpften Personen. Bislang wurden nach Informationen des Robert Koch-Instituts mehr als 200.000 Impfungen durchgeführt. Warum sind es nicht noch mehr?
Da vorrangig ältere Menschen, die in ihrer Mobilität oft eingeschränkt sind beziehungsweise in Pflegeeinrichtungen wohnen, als Erste geimpft werden, kommt es natürlich zu zeitlichen Verzögerungen. Derzeit fahren die Impfärzte in die Alten- und Pflegeheime, um die Menschen dort an Ort und Stelle zu versorgen. Sobald jene Personengruppen, die problemlos selbst in die Impfzentren fahren können, geimpft werden, dürfte die Verteilung des Impfstoffes um ein Vielfaches schneller ablaufen.Ebenfalls zu berücksichtigen ist, dass die Hälfte des Impfstoffes von den Bundesländern für die zweite Impfung zurückgelegt wird. Ein weiterer Faktor ist laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass BioNtech bereits vor Monaten angedeutet hat, dass bis Ende 2020 nur rund 50 Millionen Impfdosen produziert werden könnten. Darüber hinaus sah es lange Zeit so aus, als würde der Impfstoff der Oxford University und AstraZeneca als Erstes zugelassen werden. Nun wurde es doch BioNtech – das zeigt die Dynamik der Impfstoffentwicklung in der derzeitigen Pandemielage.

 

Hat die EU versagt?

Im Nachhinein sind die Antworten auf komplexe Entwicklungen immer sehr einfach. Aus rund 82 Millionen Fußballtrainern und Virologen scheinen nun Impfstoffexperten geworden zu sein. Blickt man auf die Entwicklungen der vergangenen Monate zurück und behält im Hinterkopf, dass Entscheidungen der EU von allen Mitgliedsstaaten getragen werden müssen, ist die Impfstrategie durchaus nachvollziehbar. Dass andere Staaten unter dem Strich mehr Menschen geimpft haben, liegt eben auch an den Umständen. Natürlich wäre es begrüßenswert, wenn auch hierzulande mehr Menschen so schnell wie möglich eine Immunisierung gegen das Coronavirus erhalten. Die Erklärung zur Strategie der EU ist jedoch nachvollziehbar, wenn man den Kontext berücksichtigt, in dem sie entwickelt wurde.

Bei allen Diskussionen um die Impfstoffbeschaffung ist eine Sache genauso wichtig und entscheidend: Dass der  Impfstoff auch verimpft wird. Bislang läuft dies schleppend an, wofür die Bundesländer verantwortlich sind. Etwa in Berlin musste vergangene Wochedas erste deutsche Impfzentrum  mangelnder Anmeldungen schließen. Zumindest vorübergehend. Im Berliner Impfzentrum in der Treptower Arena sollten anfangs vor allem Pflegekräfte geimpft werden, wie das RND und BILD berichteten. Allerdings wurde dieses Angebot zu wenig genutzt und das Impfzentrum daher für vier Tage über Neujahr geschlossen. In der Treptower Arena seien vergangenen Sonntag lediglich 228 Impfungen verabreicht worden. Die Arena ist darauf ausgelegt, dass  5000 Impfungen pro Tag. durchgeführt werden können.